"Start ins neue Reisejahrzehnt"
Rede von Klaus Laepple, Präsident Deutscher ReiseVerband (DRV) und Präsident Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) im Rahmen der Eröffnungs-Pressekonferenz ITB Berlin 2010
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich begrüße Sie sehr herzlich zur Eröffnungs-Pressekonferenz der ITB Berlin. Ich werde Ihnen kurz die aktuellen wirtschaftlichen Eckdaten der deutschen Reisebranche für das abgelaufene Touristikjahr 2009 vorstellen und Ihnen erste Trends und Prognosen für 2010 aufzeigen. Eine ganz zentrale Botschaft - gerade auch für die hier auf dem Messegelände vertretenen Länder - möchte ich gerne voranstellen:
Hinter uns liegt ein schwieriges Jahr, doch die Talsohle ist durchschritten, die Lust auf Sommerurlaub steigt, die Buchungen ziehen seit Mitte Dezember spürbar an. Das belegen die Auswertungen des Tourismus-Vertriebspanels der Marktforschungsgesellschaft GfK sowie die Buchungsstatistiken der im Deutschen ReiseVerband vertretenen Reiseveranstalter. Wir stehen am hoffnungsvollen Beginn eines neuen Reisejahrzehnts, in dem die Kunden auf qualitativ hochwertige Reiseprodukte mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis achten.
Doch lassen Sie uns zunächst kurz zurückblicken: Nach den endgültigen Zahlen für das Touristikjahr 2009, die ich Ihnen heute erstmals vorstellen darf, haben die deutschen Reiseveranstalter insgesamt einen Umsatzrückgang von rund drei Prozent auf 20,8 Milliarden Euro verzeichnet. Unsere vorläufige Hochrechnung hatte vor wenigen Wochen noch ein Minus von 3,5 Prozent ausgewiesen. Verglichen mit den massiven Umsatzeinbrüchen von beispielsweise zwölf Prozent in der chemischen Industrie oder 26 Prozent in der Druck- und Papiertechnik, haben die deutschen Reiseveranstalter nicht ganz so dramatisch wie andere heimische Industriezweige abgeschnitten. Wir sind also mit einem blauen Auge davongekommen. Auch muss man beim Rückgang des Reiseumsatzes bedenken, dass das Vergleichsjahr 2008 mit einem Plus von fünf Prozent das bislang umsatzstärkste Jahr der deutschen Touristikbranche war.
Nachfrage der Deutschen nach Urlaub bleibt auf hohem Niveau
Der erstmals seit Jahren gesunkene Gesamtumsatz bei den Veranstaltern resultiert vor allem aus niedrigeren Reisepreisen im Vergleich zum Vorjahr. Die Reiseveranstalter haben die Preissenkungen aus den jeweiligen Märkten an ihre Kunden weitergegeben. Hoteliers in vielen Zielgebieten wurden zu Preissenkungen veranlasst, weil die Zahl der Gäste gerade aus Ländern wie etwa Großbritannien, Russland und den USA - und damit die Auslastung - zurück ging. Auch reduzierte sich aufgrund des gesunkenen Ölpreises der Kerosinpreis-Zuschlag für Flugreisen.
Dies alles stimulierte zusätzlich die Reiselust der Deutschen, die ungern auf ihren Erholungsurlaub verzichten. Die Nachfrage der Deutschen nach Urlaub ist dementsprechend im Touristikjahr 2009 nur geringfügig zurückgegangen. So blieb die Teilnehmerzahl mit einem Minus von rund zwei Prozent knapp unter dem Vorjahr. Über 38,2 Millionen Gäste waren mit Veranstaltern auf Reisen. Doch dieser mäßige Rückgang bei den Touristikunternehmen darf nicht über den massiven Einbruch im Geschäftsreisemarkt hinwegtäuschen. Die in der Wirtschaftskrise verhängten Sparmaßnahmen von Unternehmen bescherten den Geschäftsreisebüros ein Umsatzminus von 25 Prozent.
Die Reisebüros, die sich auf das touristische Geschäft mit Urlaubsreisen konzentrieren, mussten im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatzrückgang von rund fünf Prozent hinnehmen, der wie eben beschrieben vornehmlich aus Preissenkungen resultierte. Nimmt man alle stationären Reisebüros zusammen, also sowohl die touristischen als auch die Geschäftsreise-Büros, ergibt sich ein Umsatzminus von rund 13 Prozent auf etwa 19 Milliarden Euro. Dieser Rückgang wirkt sich negativ auf die wirtschaftliche Rentabilität der Reisebüros aus, denn sie werden umsatzbezogen vergütet.
Die Lieblingsziele der Bundesbürger bleiben die Klassiker: Deutschland und Spanien
Doch wohin reisten die Deutschen denn im Jahr 2009 gerne? Die Bundesbürger bevorzugten für ihren Haupturlaub auch im vergangenen Jahr die klassischen Urlaubsreiseländer rund um das Mittelmeer. Spanien behauptete sich trotz sinkender Gästezahlen weiter an der Spitze der Auslandsreiseziele. Auch Italien und Österreich konnten ihre Positionen auf den unmittelbar folgenden Rängen weiter verteidigen. Doch das beliebteste Reiseziel der Bundesbürger ist und bleibt Deutschland. Der Urlaub im eigenen Land steht seit Jahren für weit über ein Drittel der Reisenden an erster Stelle. Und im vergangenen Jahr hat das Reiseland Deutschland nochmals zugelegt. Rund 40 Prozent der fast 76 Millionen Urlaubsreisen der Bundesbürger haben das eigene Land zum Ziel gehabt. Im Jahr 2008 waren es knapp 38 Prozent und damit zwei Prozentpunkte weniger.
Die Zahl der Übernachtungen von Bundesbürgern im Inland stieg 2009 ebenfalls - sogar um die beachtliche Zahl von einer Million. Es zahlt sich aus, dass Hoteliers in vielen Regionen
Deutschlands in Qualität investiert haben und - nicht zuletzt dank der Anfang des Jahres gesenkten Mehrwertsteuer - intensiv weiter investieren. Investitionen aber setzen Planbarkeit und eine Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen voraus. Das gilt für die Hotels, das gilt aber auch für alle anderen touristischen Leistungsträger. Deshalb muss die Expertenkommission, die die reduzierte Mehrwertsteuer unter anderem auch für die Gastronomie prüfen soll, wie im Koalitionsvertrag vorgesehen, eingesetzt werden. Auch das Flughafenkonzept, das eine klare Zusage für den bedarfsgerechten Ausbau von Flughäfen und ein Bekenntnis zum Nachtflug enthält, gilt es konsequent anzuwenden. Entsprechend muss unter anderem eine gesetzliche Regelung geschaffen werden, die neue Nachtflugverbote verhindert. Denn internationale Konkurrenzfähigkeit ist im zunehmenden globalen Wettbewerb unabdingbar.
Meine Damen und Herren,
auch der Wettbewerb der Destinationen ist härter geworden. Und das nicht erst seit der weltweiten Finanzkrise. So hat beispielsweise die Türkei im vergangenen Reisejahr erneut Gäste hinzugewinnen und Ägypten die Gästezahl des Vorjahres halten können. Insgesamt lässt sich erkennen: Reiseziele am östlichen Mittelmeer waren stärker nachgefragt und verzeichneten Wachstum als Ziele am westlichen Mittelmeer. Das Ranking der Reiseziele mit Spanien an der Spitze ändert sich dadurch jedoch nicht!
All-Inclusive und gutes Preis-Leistungsverhältnis sind gefragt
Das Pfund, das beispielsweise die beiden Reiseländer Türkei und Ägypten in die Wagschale werfen, ist klar: Sie bieten eine moderne Infrastruktur, eine große Auswahl an All-Inclusive-Anlagen sowie eine hohe Qualität und das alles zu einem guten Preis. Hieran müssen sich andere Reiseländer messen lassen. Sie müssen aber auch ihr Portfolio überprüfen und gegebenenfalls in dieses investieren. Auf lange Zeit kann im Wettbewerb nur bestehen, wer die touristische Infrastruktur ausbaut sowie Hotelanlagen modernisiert, um- oder ausbaut und die Ausstattung verbessert. Aber auch die konsequent an den Bedürfnissen orientierte Modernisierung und Optimierung der Verkehrsinfrastruktur ist essentiell. Ob Bahnhof, Hafen oder Flughafen - das Entrée eines Landes ist seine Visitenkarte. Sie trägt entscheidend dazu bei, ob sich Gäste willkommen fühlen. Denn die Erholung fängt nicht erst beim Bezug des Hotelzimmers an. Das gleiche gilt für den Abschied. Der letzte Eindruck ist prägend. Wer gestresst von seiner Heimreise zurückkehrt, hat die schönen Eindrücke seines Urlaubs schnell vergessen.
Doch was nützen all die Investitionen und Vorzüge eines Landes, wenn sie keiner kennt? Entscheidend ist also auch das Marketing. Hier müssen Länder und Anbieter ihre Werbemaßnahmen zielgruppengenau forcieren, stärker ins Marketing investieren und miteinander koordinieren.
Meine Damen und Herren,
nach diesem Einschub möchte ich Ihnen noch weitere Trends des vergangenen Jahres aufzeigen. Wir freuen uns, dass mit Kenia und Sri Lanka zwei Fernreisedestinationen, die längere Zeit aufgrund politischer Unruhen mit Gästerückgängen zu kämpfen hatten, wieder auf die touristische Landkarte zurückgekehrt sind. Der Reiseverkehr nach Kenia hat deutlich zugenommen. Ebenso legte die Gästezahl in Richtung Vereinigte Arabische Emirate zu. Beliebte Fernreiseziele waren im vergangenen Jahr ferner die Malediven und Thailand.
Ganz klar: Einige Fernreise-Ziele haben im vergangenen Jahr nochmals vom niedrigen Dollarkurs profitiert, zugleich hat sich der günstige Kerosinpreis auf die Flugpreise niedergeschlagen. Weitere Trendziele, die - allerdings noch auf kleinem Niveau - weiter wachsen, und noch als sogenannte Geheimtipps gelten - sind unter anderem die Inseln der Kapverden und Vietnam. Beide Ziele sind noch zarte Pflänzchen, doch sie gedeihen.
Meine Damen und Herren,
soweit der Rückblick. Ich hatte ja bereits zu Beginn gesagt, dass sich für dieses Jahr ein Aufwärtstrend abzeichnet. Die Buchungseingänge für die Sommermonate haben in den vergangenen drei Monaten angezogen. Das belegen die Zahlen der im Deutschen ReiseVerband engagierten Reiseveranstalter sowie die Auswertungen des Tourismus-Vertriebspanels der GfK. Zwar ist die gerade laufende Wintersaison im Vergleich zum Winter 2008/2009 noch im Minus. Das ist aber auch nicht verwunderlich, denn die Kunden waren bei ihren Winterbuchungen vor rund anderthalb Jahren von der Finanzkrise noch weitgehend unbeeindruckt. Jedoch wird das Minus für den Winter 2009/10 von Tag zu Tag geringer, denn viele Kunden entscheiden sich derzeit noch recht kurzfristig für einen spontanen Trip in die Sonne.
Der Buchungstrend zeigt nach oben, aber noch kein Dammbruch
Für die kommenden Monate liegen die Vorausbuchungen inzwischen zum Teil sogar über Vorjahresniveau. Zuwächse zeigen vor allem weiterhin die Türkei und Ägypten. Die Frühbucheranreize mit attraktiven Preisabschlägen motivieren viele Urlauber, sich rechtzeitig ihre Sommerferienziele zu sichern. Die Nachfrage nach Fernreisen zieht ebenfalls weiter an. Herausragendes Umsatzwachstum zeigen laut GfK-Zahlen beispielsweise Thailand, Mauritius und Indonesien. Das boomende Segment der Kreuzfahrten bleibt auch 2010 auf Wachstumskurs.
Und bei den Geschäftsreisen scheint der Abwärtstrend gestoppt zu sein. Da die Auftragslage in vielen Regionen der Erde nun wieder spürbar anzieht, nimmt auch die Reiseintensität wieder zu. Daher rechnen wir für das Geschäftsreisesegment in diesem Jahr mit einem leichten Plus. In der Touristik gehen wir von einem weiteren herausfordernden Jahr aus, einhergehend mit einer Stabilisierung der Teilnehmerzahlen. Wir sind also vorsichtig optimistisch, aber nicht euphorisch. 2011 könnte wieder ein „normales" Jahr mit stabiler Preisentwicklung und wachsender Teilnehmerzahl werden.
Was macht uns so zuversichtlich? Die Kaufkraft der Konsumenten - das bescheinigen die deutschen Marktforschungsinstitute - ist unter anderem durch zurückgelegtes Einkommen vorhanden. Wenn man sich die diversen Stimuli für die privaten Haushalte aus dem vergangenen Jahr anschaut, dann kann man sagen: Das Geld ist da. 2009 gab es im Schnitt ordentliche Lohnerhöhungen, mehr Kindergeld, eine höhere Pendlerpauschale, deutlich niedrigere Preise für die Lebenshaltung und einiges mehr. Das wirkt nach. In Verbindung mit anhaltend niedrigeren Arbeitslosenzahlen als befürchtet, stabilen Haushaltseinkommen und weiteren finanziellen Entlastungen, die Anfang des Jahres wirksam geworden sind, ist also damit zu rechnen, dass die Nachfrage nach Urlaubsreisen 2010 so hoch wie 2009 ausfällt.
Denn für die Urlauber gibt es eine positive Nachricht, die man hier auf der ITB nicht häufig genug herausstellen kann: Die Preise für den organisierten Urlaub - egal ob als Pauschalangebot oder als Bausteinreise - sind so günstig wie schon lange nicht mehr. Aufgrund der verbesserten Einkaufskonditionen für Veranstalter - besonders bei den Hotels in den Zielgebieten - sind die Katalogpreise für viele Ziele 2010 reduziert worden. Wer also schon immer mal seinen Traumurlaub - sei es eine Fernreise oder einen ausgiebigen Städte- und Kulturtrip - verwirklichen wollte, der sollte nicht zögern und jetzt buchen. Die Reisepreise sind deutlich gesunken. Einen Preiskampf - so sehr einige diesen auch herbei schreiben mögen - wird es jedoch nicht geben.
Meine Damen und Herren,
mit dieser ITB läuten wir den Beginn eines neuen Reisejahrzehnts ein. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat, das haben die GfK-Marktforscher herausgefunden, auch die Werteorientierung der Verbraucher verändert. Diese neuen Prioritäten bestimmen das Konsumverhalten des neuen Reisejahrzehnts:
- Verbraucher setzen immer mehr auf Qualität statt auf Quantität,
- sie bevorzugen vertrauenswürdige Marken,
- sie suchen maßgeschneiderte, auf individuelle Interessen ausgerichtete Produkte,
- und es werden mehr sinnstiftende Reisen nachgefragt, etwa Entdeckertouren oder das "Volunteering" genannte Reisen, bei denen sich Urlauber während ihres Aufenthalts in sozialen Projekten engagieren.
Meine Damen und Herren,
die Weichen für das Reisejahr 2010 sind gestellt, die Deutschen sind reiselustig wie eh und je. Freuen wir uns also auf die Neuigkeiten der kommenden Tage und läuten wir gemeinsam das neue Reisejahrzehnt ein!
