Deutschland hat die Koffer gepackt
Rede von Klaus Laepple, Präsident Deutscher ReiseVerband (DRV) und Präsident Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) im Rahmen der Eröffnungs-Pressekonferenz ITB Berlin 2009
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
im Namen der deutschen Tourismuswirtschaft begrüße auch ich Sie sehr herzlich zur internationalen Eröffnungs-Pressekonferenz der ITB Berlin 2009. Das Jahr 2008 liegt nun bereits einige Wochen hinter uns - und es war für die deutsche Reisebranche - aber auch für die internationale - ein äußert positives Jahr. Das Urlaubs- und Geschäftsreisesegment hat in Deutschland insgesamt betrachtet überdurchschnittlich erfolgreich abgeschnitten. Ich kann Ihnen heute die endgültigen Ergebnisse für das abgelaufene Touristikjahr 2007/08 präsentieren. Diese liegen nochmals über den Werten, die wir im vergangenen November auf der DRV-Jahrestagung als erste Hochrechnung präsentiert haben. Die deutschen Reiseveranstalter erzielten demnach 2007/08 ein Umsatzwachstum von rund 5,5 Prozent auf 21,4 Milliarden Euro. Einen besonderen Umsatzsprung verzeichnete das Kreuzfahrt-Segment mit knapp 17 Prozent Zuwachs. Für die deutschen Reisebüros verlief das vergangene Jahr ebenfalls sehr positiv. Sie konnten ihren Umsatz um fast 3 Prozent auf 21,8 Milliarden Euro steigern. Hinzu kommt der Großteil der Umsätze, den Reisebüros mit IATA-Linienflugtickets abwickeln. Diese Umsätze stiegen im vergangenen Jahr von 9,5 Milliarden auf 10 Milliarden Euro.
Für ihre Auslandsreisen gaben die Deutschen auch 2008 von allen Nationen der Welt am meisten aus. Fast 85 Milliarden US-Dollar - und damit sieben Milliarden Dollar mehr - waren es 2008 nach den Berechnungen der UNWTO. Dabei werden sowohl die Kosten für die Reise als auch die Ausgaben im Ausland gezählt. Diese umgerechnet 61,5 Milliarden Euro sind abermals ein Rekordwert, der inzwischen rund 4,4 Prozent des privaten Verbrauchs in Deutschland entspricht. Zudem unternehmen die Deutschen im Vergleich zu den Bürgern anderer europäischer Länder mit weitem Abstand die meisten Urlaubsreisen. Dies verdeutlicht den Stellenwert des emotionalen Produkts Urlaub für die Bundesbürger und natürlich die Bedeutung der deutschen Gäste für die Zielländer.
Meine Damen und Herren,
gestatten Sie mir noch einen weiteren kurzen Rückblick auf die Entwicklung einzelner Segmente der Tourismuswirtschaft im Inland:
- Die Deutschen Eisenbahnen - also einschließlich der 305 Wettbewerber der DB im Personenverkehr - beförderten insgesamt rund 2,3 Milliarden Reisende.
- Rund 6 Millionen Fluggäste mehr starteten oder landeten 2008 auf den deutschen Flughäfen. Damit erhöhte sich die Gesamtzahl der Fluggäste von 184 Millionen auf 190 Millionen.
- Die inländischen Fluggesellschaften haben bei den Passagierzahlen im vergangenen Jahr ebenfalls sehr gut abgeschnitten. Lufthansa und die Air Berlin-Gruppe verzeichneten für das Gesamtjahr ein Wachstum.
- Der Deutschlandtourismus entwickelte sich ebenfalls glänzend: Für das Kalenderjahr 2008 stieg die Zahl der Übernachtungen von Deutschen im eigenen Land um 2 Prozent auf über 313 Millionen. Und die der ausländischen Gäste in unserem Land sogar um drei Prozent auf über 56 Millionen.
Dieser boomende Tourismus sichert natürlich viele Arbeitsplätze: Rund 2,8 Millionen Beschäftige sind eine beeindruckende Zahl. Mit fast 74.000 Beschäftigten bei Reiseveranstaltern und Reisebüros im Inland gab es auch bei diesen Arbeitsplätzen abermals einen Zuwachs. Ganz besonders freut es mich, dass der Rückgang der Ausbildungszahlen für Reiseverkehrskaufleute gestoppt werden konnte.
Übrigens, all diese Zahlen und alle anderen Daten und Fakten über die deutsche Tourismuswirtschaft finden Sie in der hier ausliegenden DRV-Broschüre „Fakten und Zahlen zum deutschen Reisemarkt 2008". An der Rangfolge der bevorzugten Reiseziele der Bundesbürger hat sich auch 2008 nichts Grundlegendes geändert. Rund ein Drittel aller Urlaubreisen hatte das eigene Land zum Ziel, dahinter folgte das wichtigste Auslandsreiseziel der Deutschen: nämlich Spanien. Auf den Plätzen 3 und 4 blieben Italien und Österreich. Soweit zur Bilanz des vergangenen Reisejahres.
Wie Sie alle wissen, meine Damen und Herren, ist seit Beginn des neuen Touristikjahres im November 2008 auch die Reisebranche mit vielen externen Einflüssen und Faktoren konfrontiert, die nicht durch uns hervorgerufen wurden und die wir nicht beeinflussen können. Als Stichwort reicht hier die Nennung der weltweiten Finanzmarktkrise. Dementsprechend erleben wir auch im Tourismus erste Auswirkungen - etwa den seit einigen Monaten spürbaren Rückgang der Umsätze im Geschäftsreise-Segment. Die derzeitige Entwicklung im touristischen Segment lässt sich dagegen nicht so einfach mit einer einzigen Trendaussage kennzeichnen. Einzelne Ergebnisse einiger Großveranstalter mit Buchungsrückgängen spiegeln nicht unbedingt den Gesamtmarkt wider, denn in bestimmten Segmenten - etwa der Kreuzfahrt - gibt es weiterhin Zuwächse. Aber natürlich sind die Ergebnisse trotzdem ein Indikator für die tendenzielle Entwicklung. Gerade zum Jahresanfang waren die Verbraucher verunsichert und vor allem Familien haben ihren Sommerurlaub zögerlich gebucht. Auch verliefen die Buchungseingänge in den ersten Wochen des Jahres regional sehr unterschiedlich und schwankten von Woche zu Woche. Das ist, wie ich finde, auch kein Wunder. Denn wenn in den Medien tagtäglich über krisengeschüttelte Banken und milliardenschwere staatliche Rettungspakte für die deutsche Wirtschaft berichtet wird, wirkt sich das natürlich auch auf die Konsumbereitschaft der Bevölkerung aus.
Doch seit Kurzem wandelt sich das Bild wieder. Seit über einem Monat spüren die Veranstalter und Reisebüros eine deutliche Belebung bei der Buchungstätigkeit für den Sommer 2009. Die vor rund zwei Wochen vom Magazin „Stern" veröffentlichte Umfrage des Forsa-Instituts, wonach die Mehrheit, nämlich fast 60 Prozent der Deutschen auch 2009 im Sommer vereisen will, deckt sich mit der Entwicklung der Buchungszahlen der Reiseveranstalter. Deutschland, meine Damen und Herren, sitzt auf gepackten Koffern. Die Bürger haben die Chance auf Urlaub und Reisen und sie sollten sie jetzt nutzen, denn jetzt ist das Angebot noch breit gefächert verfügbar. Und bei den Reiseanbietern wird erst zum Schluss abgerechnet und Bilanz gezogen, so dass wir jetzt zu Beginn dieses beispiellosen Jahres noch keine Prognosen über das Reisejahr 2009 verkünden können.
Doch eines können wir schon jetzt feststellen: Die Deutschen verzichten nicht generell auf das Reisen. Denn trotz aller Hiobsbotschaften sind zahlreiche Rahmenbedingungen nicht schlechter geworden: Im Jahresdurchschnitt haben wir immer noch die geringste Arbeitslosigkeit seit 1992, wir haben in Deutschland das höchste Realeinkommen seit langem, wir haben eine stark gesunkene Inflationsrate und wir haben gesunkene Energiekosten. Aber auch gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind Werte wie Zuverlässigkeit, Sicherheit und Stabilität von den Verbrauchern gefragt. Deswegen punkten die vertrauten und bekannten Markenanbieter und deswegen präferieren die Kunden die organisierte Reise.
Bislang ist übrigens die in Kürze zu Ende gehende Wintersaison recht gut verlaufen. Die Marktforscher der GfK haben für die über Reisebüros getätigten Buchungen für den Winter ein Umsatzplus von knapp 7 Prozent errechnet. Damit ist das Umsatz-Ergebnis für die aktuelle Wintersaison zwischen Anfang November und Ende April laut GfK wesentlich besser als im Vergleich zum Vorjahr.
Für den diesjährigen Sommer ist eine eindeutige Trendaussage zum Buchungs- und Umsatzverlauf bei Reiseveranstaltern und Reisebüros auch deswegen noch zu früh, weil wir uns im Augenblick mitten in den buchungsstarken Monaten befinden. Zu uneinheitlich sind die Entwicklungen in den einzelnen Segmenten des Touristikmarktes. Starke Zuwächse verzeichnen die DRV-Marktforscher für diesen Sommer zum Beispiel im Kreuzfahrtensegment, für den Deutschland-Tourismus oder auch im Flugeinzelplatz-Geschäft. Dieses boomende Einzelplatzgeschäft unterstreicht eindeutig den Trend der Urlauber, ihren Flug mit den Hotelangeboten der Reiseveranstalter zu kombinieren und daraus eine Paket- oder Bausteinreise mit vielen verschiedenen Bestandteilen zu schnüren.
Doch was sind bislang die angesagtesten Reiseziele für die Sommerferienzeit 2009? Die Deutschen stehen zu ihren Klassikern. Für den Sommerurlaub zeichnet sich nach Einschätzung der im DRV organisierten Reiseveranstalter ab, dass der seit Jahren anhaltende Trend zum klassischen Badeurlaub am Mittelmeer mit Ländern wie Spanien oder der Türkei sich nicht wesentlich ändert. Mit Abstand wichtigstes ausländisches Reiseziel ist und bleibt Spanien. Die Zahl von jährlich rund 10 Millionen Gästen aus Deutschland in den vergangenen Jahren spricht für sich. Und auch die Vorausbuchungen für dieses Jahr zeigen deutlich, dass sich Spanien auf seiner Top-Position behaupten wird. Deutliche Buchungszuwächse in diesem Jahr verzeichnet unter anderem die Türkei mit einem Plus von derzeit 8 Prozent.
Daneben sind bei den bisherigen Buchungen auch Italien, Portugal und Griechenland beliebt. Wegen ihres guten Preis-Leistungsverhältnisses punkten zudem Tunesien und Ägypten.
Ganz vorne bei den Trendzielen des Jahres 2009 liegt das Reiseland Deutschland. Gerade das gute Preis-Leistungsverhältnis sowie Investitionen in eine breite Produktpalette und eine hohe Service-Qualität machen das eigene Land so attraktiv. Aber: Immer mehr Bundesbürger zieht es auch in die Ferne zu exotischen Traumzielen. Bei Fernreisen gefragt sind auch 2009 - ähnlich wie im vergangenen Jahr - nach Angaben der Reiseveranstalter die Vereinigten Staaten von Amerika, die Karibik, die Malediven, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ziele in Asien. Weiterhin im Trend: Kreuzfahrten auf Flüssen und den Weltmeeren auf neuen und bekannten Routen sowie Städte- und Wellness-Reisen.
Für dieses Jahr zeigt sich zudem, dass für den Sommerurlaub verstärkt All-inclusive-Angebote nachgefragt werden. Für die Kunden bedeutet dies eine verlässliche Planung ihrer Ausgaben und gibt ihnen damit Budgetsicherheit für die Urlaubsreise. Viele Veranstalter haben deshalb ihre Programme mit dem Komplett-Angebot weiter ausgebaut.
Die nun wieder anziehenden Buchungen dürfen allerdings nicht über die Umsatzverluste der Reisebüros im Januar hinwegtäuschen. Doch ist das Jahr noch lange nicht gelaufen. Gerade in diesen Wochen locken Frühbucherangebote der Reiseveranstalter, so dass Kunden derzeit einerseits noch die volle Auswahl des breiten Urlaubsangebots im Reisebüro haben, andererseits mit den Frühbucherofferten der Veranstalter auch noch bis zu 30 Prozent sparen können.
Trotzdem haben sich die Reiseveranstalter natürlich auch auf die veränderten Vorzeichen der allgemeinen Wirtschaftslage eingestellt. Die Branche hat nach kurzfristigen Buchungs- und Umsatzrückgängen, die die Tourismusindustrie bereits mehrfach erlebt hat - so etwa durch die Terroranschläge 2001, die SARS-Epidemie oder den Golfkrieg -, ihre Lektion gelernt. Die Reiseveranstalter haben sich bei ihrer Kapazitätsplanung inzwischen viel flexibler aufgestellt als noch vor Jahren. Und: Sie können viel kurzfristiger auf Nachfrageschwankungen reagieren. Für die Reiseveranstalter gilt dementsprechend: Profitabilität geht vor Mengenwachstum - kurz gesagt: Marge geht vor Menge.
Die Reiseveranstalter haben für dieses Jahr ihre Kapazitäten vorausschauend konservativ geplant. Bei Bedarf können zudem die Kapazitäten für stärker nachgefragte Ziele genutzt werden. Dieses flexible Kapazitätenmanagement bei den großen und kleinen Veranstaltern ermöglicht es, kurzfristig auf die anziehende Nachfrage zu reagieren und somit auch sehr schnell zusätzliche Kontingente hinzukaufen zu können. Dies sehen wir bereits für die nun nahenden Osterferien, für die bei bestimmten Zielgebieten bereits Zusatzflüge angeboten werden.
Doch trotz der derzeitigen Kapazitätsrückgänge ist die Branche weiter optimistisch: Die Voraussetzungen für weiteres Wachstum sind vorhanden, so dass wir nach der Wirtschaftskrise auch mit erneutem Zuwachs rechnen können. Klar ist, Reiseveranstalter und andere Leistungsträger wie zum Beispiel Fluggesellschaften, die Bahn oder Hotels investieren weiter in ihre Produkte und Leistungen und glauben an ihre Zukunft und die ihrer Mitarbeiter. Die Deutsche Lufthansa stellt zum Beispiel in diesem Jahr 54 neue Flugzeuge für rund 1,5 Milliarden Euro in den Markt. Bis 2015 beläuft sich das Investitionsvolumen für die insgesamt 170 neuen Flugzeuge auf beachtliche 14 Milliarden Euro. Die Deutsche Bahn investiert 500 Millionen Euro in 15 neue ICE-Züge und plant ab 2015 eine neue Fahrzeuggeneration mit einem Investitionsvolumen von mehreren Milliarden Euro. Bahnchef Mehdorn hatte es kürzlich auf den Punkt gebracht und betont, dass die Bahn damit ein großes Konjunkturprogramm platziere und damit Arbeitsplätze sichere. Und dies gerade jetzt, wo die Wirtschaft dringend Impulse brauche. Auch die Hotels oder die Kreuzfahrtenanbieter investieren derzeit kräftig in bestehende und neue Produkte. Jetzt werden die Weichen für den neuen Aufschwung auch bei den Veranstaltern gestellt. Sie investieren in den Aufbau neuer Hotelmarken oder auch in Informationstechnologie. Die deutsche Reisebranche blickt also optimistisch in die Zukunft und sieht in der Wirtschaftskrise eine Herausforderung, aus der sie gestärkt und prosperierend hervorgeht.
Meine Damen und Herren,
Ich bin mir sicher, dass die ITB Berlin in den nächsten Tagen vielen Bürgern zusätzliche Anregungen und Anstöße für ihren Urlaub geben wird. Denn das Angebot ist wie immer riesig.
