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Tourismusgipfel 2013 Olga Kefalogianni, José Manuel Barroso, Dr. Michael Frenzel

am 2. Dezember 2013 fand im Hotel Adlon Kempinski in Berlin der 17. Tourismusgipfel mit mehr als 500 Teilnehmern statt. Hauptredner der diesjährigen Veranstaltung war EU-Kommissionpräsident José Manuel Barroso.

BTW-Präsident fordert Stärkung des Wachstumsmarkts Tourismuswirtschaft

Dr. Michael Frenzel

Mit einem Appell an Politik und Branche dafür Sorge zu tragen, dass die Tourismuswirtschaft in Deutschland wichtiger Wirtschaftsfaktor und Wachstumsmarkt bleibt, hat der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft Dr. Michael Frenzel den 17. Tourismusgipfel in Berlin eröffnet.

Vor rund 500 Gästen im Hotel Adlon erklärte er mit Blick auf den in der vergangenen Woche vorgelegten Koalitionsvertrag, dass ein Gesamtresümee schwer falle: „Wie zu erwarten ist der Vertrag ein großer Kompromiss – im Wesentlichen gilt dies auch, wenn man einen übergreifenden Blick auf die tourismusrelevanten Themen wirft. Einiges geht in die richtige Richtung, manches ist nicht so schlimm wie befürchtet, vieles müssen wir allerdings mit einem deutlichen „Aber“ versehen und elementare Wettbewerbsverzerrungen wurden nicht abgebaut!“

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso unterstreicht wirtschaftliche Relevanz des Tourismus

José Manuel Barroso

EU-Kommissionspräsident José Manuel BarrosoEU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso plädierte auf dem Tourismusgipfel dafür, Europa nicht als Vereinigung der Staaten sondern der Menschen zu verstehen. Nach fünf Krisenjahren in der europäischen Wirtschaft prognostiziert er ein leichtes Wachstum. Es komme darauf an, die Nachhaltigkeit dieser Erholung zu gewährleisten. Der Tourismus profitiere vom offenen Handel in Europa. Mit einem Anteil von 8.4 Prozent am europäischen Bruttosozialprodukt läge seine Bedeutung über der von Lebensmittel-, Chemie- oder Automobilindustrie. Barroso würdigte die Qualität des Reisezieles Deutschland, besonders der MICE- und Geschäftsreisedestination. Unter den aktuellen Arbeitsthemen ging der EU-Kommissionspräsident auf die Bedeutung des Tourismus für die Arbeitsmärkte sowie die Entwicklung von Ausbildungs- und Servicequalität ein. Im Transportsegment thematisierte er die Airportkapazitäten, den Wettbewerb der Ground Handling-Firmen, die Notwendigkeit die Einführung des Single European Sky zu forcieren, da die europäische Flugsicherung im Vergleich etwa zur amerikanischen deutlich teurer sei sowie die vorläufige Aussetzung des Emissionsrechtehandels.

Im Herzen Griechenlands: Tourismusministerin Olga Kefalogianni

Olga Kefalogianni und Dr. Michael Frenzel

Vom engagierten Kampf um die Erholung des Tourismus berichtete die griechische Tourismusministerin Olga Kefalogianni. Die Regierung habe auch schwierige Entscheidungen getroffen und umgesetzt. Die daraus resultierenden strukturellen Veränderungen hätten 2013 zu einer deutlichen Erholung geführt. Die Ministerin verwies auf den direkten Zusammenhang zwischen prosperierendem Tourismus, Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen. Griechenland stehe für eine nachhaltige Entwicklung des Tourismus, in der Privatwirtschaft, Regierung und lokale Verantwortliche zusammenarbeiten. Tourismus sei ein Teil der acht Top-Prioritäten, die von der Regierung definiert wurden und in deren Umsetzung verschiedene Ministerien involviert sind.

Christoph Keese: Entbündelt Euch!

Christoph Keese, Digitalisierungs-Podium

Neue Botschaften aus der Neuen Welt. Christoph Keese war zusammen mit Bild-Chef Kai Diekmann in der Vorhut des Springer-Verlages, die im Silicon Valley nach den Ideen für morgen suchte. Einige der überraschenden Eindrücke präsentierte er beim BTW-Gipfel: So kommt die digitale Welt oft durchaus analog daher. Willst Du im Silicon Valley gute Geschäfte machen, solltest Du nicht E-Mails an Unbekannte schreiben oder Videokonferenzen veranstalten. Miete ein Haus dort, wo man Dich mit dem Fahrrad erreichen kann und mach ein Grillfest mit deutschen Würstchen. Kaufmännische Tradition nach unseren Maßstäben ist außer Kraft gesetzt. Es kommt darauf an, nach vorn zu denken, früh dabei zu sein. Das Geschäftsmodell des Silicon Valley schafft die Unternehmen ab, statt einer Zeitung verkauft sie den Artikel.

In der anschließenden Podiumsrunde diskutierten Touristiker der Neuen und der traditionellen Ökonomie. Michael Buller vom Verband Internet Reisevertrieb plädierte dafür, nicht zwischen Online und Offline zu urteilen sondern nach dem Nutzen für den Kunden. Der Kauf entscheidet. Ibis Brand Manager Peter Verhoeven verwies darauf, dass noch immer 50 Prozent der Gäste Stammkunden sind und nach Erfahrung buchen. Keeses Traum: Wenn ich mein Outlook aufmache, könnte mir der neue Veranstalter den perfekten Urlaub mit Buchungsbutton anbieten. Sie können doch alles wissen von mir: wann ich zuletzt in Urlaub war, mit wem, welche Präferenzen. So könnte die Dienstleistung in Zukunft gehen. DER-Manager Sören Hartmann schränkt allerdings ein, dass nicht alles virtualisiert werden kann. Den Vorteil hätte nicht der, der das Produkt, sondern der, der die Information und die Technologie dafür habe. An der Stelle seien allerdings die branchenfremden Newcomer besser aufgestellt. New Economy-Hotelier Marco Nussbaum hält dagegen, dass die deutsche Gesetzgebung mit den Möglichkeiten der Technik nicht Schritt hält. Prizotel wollte das Nadelöhr Check in mit einem vollautomatisiertem Prozess abkürzen. Dem stand das Ausfüllen des physischen Meldezettels als unüberwindliches Hindernis entgegen. Michael Buller sprang dem mit den Fallbeispielen AirBnB und 9flats zur Seite.

Luftfahrtpodium: Luftverkehrsteuer und Nachtflugverbot in der Kritik

Podium Luftverkehr

In der ersten Themen-Runde des Tourismusgipfels diskutierten Experten aus der Airline-Industrie: Weitestgehend einig waren sich die Diskutanten in der Definition aktueller Problemfelder und künftiger Aufgaben - auch der Bundespolitik. Für den Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften erklärte Condor-Chef Ralf Teckentrup, dass die Branche mit der vorliegenden Koalitionsvereinbarung nicht glücklich sein könne. Knackpunkte seien die Luftverkehrsabgabe, die letztendlich doch nicht gestrichen wurde, obwohl sie allein bei den drei größten deutschen Fluggesellschaften mehr Belastung hervorbringe, als sie in den letzten Jahren zusammen verdient hätten. Weiteres Kernproblem seien die zunehmenden Restriktionen im Nachtflugverkehr. ADV-Präsident Dr. Michael Kerkloh, zugleich Geschäftsführer des Münchener Flughafens, führte aus, warum nur ca. 5–6 deutsche Airports tatsächlich Gewinne erwirtschaften könnten. So hätten sich zahlreiche Fluggesellschaften aus ökonomischen Gründen aus der Fläche zurückgezogen, was besonders kleineren Flughäfen zu schaffen mache. Kölns Flughafen-Chef Michael Garvens fragte sich, wie bei den hessischen schwarz-grünen Koalitionsgesprächen der Bau des dritten Terminals in Frankfurt infrage gestellt werden könne, wo doch im gleichen Bundesland gerade 270 Millionen für den neuen Airport in Kassel-Calden ausgegeben wurden. Zum Thema Nachtflugverbote wünschte sich Garvens, dass auch die Unternehmen der Wirtschaft, die von einem intakten Luftverkehr profitieren, öffentlich für wettbewerbskonforme Bedingungen eintreten sollten. Zur Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Carriern aus der Golfregion und dem asiatischen Raum vertrat Germanwings-Geschäftsführer Oliver Wagner die These einer strengen Wettbewerbsorientierung in den Geschäftsmodellen. So hat sich die Lufthansa-Tochter konsequent auf die Punkt-zu-Punkt-Verkehre konzentriert und dort entsprechende Kostenvorteile realisiert. Währenddessen könne die Lufthansa im klassischen Geschäft die Hubverkehre wirtschaftlich erfolgreich darstellen. 

Nach der Wahl ist vor der Wahl - Tourismuswirtschaft quo vadis?

Podium Wahl

Zwischen Bundestagswahl und hessischer Landtagswahl auf der einen und der im kommenden Jahr anstehenden Europawahl auf der anderen Seite diskutierten Vertreter der verschiedenen Parlamente über politische Grundlagen für die künftige Arbeit der Tourismuswirtschaft. Euphorie hinsichtlich der bisherigen Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen kam in der Runde nicht auf. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Max Straubinger betrachtete die geplante und dann doch wieder kassierte Streichung der Luftverkehrsteuer eher als Momentaufnahme vor der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation. Bundestagsabgeordneter Markus Tressel (Bündnis90/Die Grünen) betonte, dass er die Luftverkehrsteuer von Anfang an lieber verursachergerecht gestaltet hätte. Im Übrigen wies der Grünenpolitiker darauf hin, dass der Tourismus trotz Ausschuss in Regierung und Parlament nicht die Präsenz habe, die er verdiene. Zum Thema reduzierter Mehrwertsteuersatz für die Hotellerie führte Europaabgeordneter Klaus-Heiner Lehne aus, dass Deutschland hier eine Ausnahmesituation beseitigt habe. Die Luftverkehrsteuer bleibe ein wettbewerbsverzerrender Faktor. Angesichts kritischer Töne aus Parlament und Bevölkerung sei es allerdings so, dass Politik am Ende immer mehr den Sachzwängen und weniger den Koalitionsverträgen folge. Der Hessische Landtagsabgeordnete Tobias Eckert (SPD) wies in dem Zusammenhang auf unterschiedliche Positionen in Bund und Ländern hin. Die regionalen Unterschiede prägten auch die Diskussion um das Thema Mindestlohn. Straubinger verlangte, entsprechende Ausnahmeregelungen im Auge zu behalten, Eckert bezeichnete das Verhandlungsergebnis als sachgerecht mit Folgeeffekten für die Sozialpartnerschaft und Tressel stellte fest, dass bei den vielen Ausnahmeregelungen nicht viel übrig bleibe. Anständige Arbeit im Tourismus rechtfertige und verlange auch anständige Bezahlung.

 

Wenn Sie Tourismusbeauftragter der Bunderegierung wären, fragte Moderator Klaus Hildebrandt in der Schlussrunde …

Tressel: ... wäre Innovationsförderung mein Thema und der demografische Wandel.

Straubinger: ... würde ich bessere Rahmenbedingungen für Innovationen verlangen und gegen weitere steuerliche Belastungen kämpfen

Eckert: ... würde ich andere Bereiche in die Querschnittsaufgabe Tourismus einbeziehen und mich dem demografischen Wandel widmen

Lehne: ... würde ich mich massiv in die Kompetenzen anderer Ministerien, zum Beispiel Verbraucherschutz oder Finanzen einmischen