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18. Tourismusgipfel: Bewegende Momente, Politik und aktuelle Trends

25 Jahre Reisefreiheit - Bundesaußenminister a.D. Hans Dietrich Genscher

 

Heute beginnen wir ausnahmsweise mit dem Schlusspunkt: Denn bewegender Höhepunkt zum Abschluss des 18. Tourismusgipfels war die Rede von Hans-Dietrich Genscher. Der langjährige Außenminister und Mitarchitekt der Deutschen Wiedervereinigung zog das Auditorium mit Erinnerungen aus den Jahren seines Wirkens in den Bann. Von der Nachkriegszeit über den Prager Frühling 1968 und den ideologischen Aufbruch Gorbatschows in der Sowjetunion spannte er den Bogen bis zu den Ereignissen 1989. Wie ein roter Faden zogen sich die Themen Reisefreiheit und Aufbruch durch die Rede. Die deutsche Wiedervereinigung habe als Meilenstein in einer Reihe von Umwälzungen letztendlich zu einer neuen Architektur Europas geführt. „Ohne Europa würden wir heute hier nicht sitzen“ war die Quintessenz des Elder Statesman und der leidenschaftliche Appell zum Abschluss des Tourismusgipfels.

 

 

Frenzel: Wachstumsmotor Tourismus am Laufen halten!

Mit einem Appell an die Politik, den Wachstumsmotor Tourismus am Laufen zu halten, hat BTW-Präsident Dr. Michael Frenzel den 18. Tourismusgipfel eröffnet. Dafür sei es notwendig auf ständig neue Belastungen der Branche und ihrer Gäste zu verzichten und bereits bestehende Belastungen zu reduzieren. Frenzel forderte eine schnellstmögliche Abschaffung der Luftverkehrsteuer, das Aus für das Projekt PKW-Maut sowie eine regelmäßige und zeitnahe Evaluierung des arbeitsmarktpolitischen Experiments Mindestlohn. Darüber hinaus führte Frenzel den Teilnehmern auch noch einmal die massiven Konsequenzen vor Augen, die durch die gewerbesteuerliche Hinzurechnung des Hotelzimmerankaufs durch Reiseveranstalter drohen. Hier sei aus Sicht der Branche dringend erforderlich, dass der Anwendungsbereich so eingeschränkt wird, dass die Anmietung von Hotelräumen nicht erfasst wird. Anderenfalls sei das Reiseveranstaltergeschäft made in Germany gefährdet. Mit Blick auf die zahlreichen Streiks zu Lasten der Tourismuswirtschaft und ihrer Gäste unter anderem im Luft- und Bahnverkehr begrüßte der BTW-Präsident, dass die Koalition ihr Vorhaben Tarifeinheit weiter vorantreibt. Frenzel appellierte aber auch an die Branche, auf gesellschaftliche Entwicklungen – von Neuen Märkten bis hin zu neuen Trends wie Sharing Economy – angemessen zu reagieren. „Wir selbst sind gefordert, eingefahrene Strukturen aufzubrechen, um marktgerechte Antworten zu finden, da am Ende die Rolle des Staates nur sein kann, für Wettbewerbsgleichheit – ein Level Playing Field – zu sorgen. Das allerdings müssen wir einfordern.“ Der deutsche Luftverkehr kämpft derzeit durch Luftverkehrsteuer, Nachtflugverbote oder auch die permanente Streikgefahr mit deutlich schlechteren Rahmenbedingungen als beispielsweise die Konkurrenz in Middle East. Die Pauschalreiserichtlinie sollte eigentlich novelliert werden, um künftig auch die so genannten Click-Through-Buchungen im Internet zu erfassen. Mit dem aktuellen Entwurf jedoch würde diese Problematik nicht mehr zufriedenstellend gelöst. Und auch für die Unternehmen der Sharing Economy gelten bislang in Teilen andere Regeln als für traditionelle Wirtschaftsunternehmen. Die gesamte Rede können Sie hier nachlesen...

Gabriel würdigt Wirtschaftsfaktor Tourismus

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel würdigte in seiner Rede die Bedeutung des Wirtschaftsfaktors Tourismus und plädierte dafür, die Rolle der Branche besser zu kommunizieren. Hinsichtlich der Hinzurechnung der Gewerbesteuer auf den Einkauf von Hotelleistungen versprach Gabriel die Unterstützung der Bundesregierung, die frühere Verwaltungspraxis wieder einzuführen. Eine Absage hingegen erteilte er einer Abschaffung der Luftverkehrsteuer, solange die Haushaltslage dies nicht zulasse. Auch bei der Einführung der PKW-Maut berief sich Gabriel auf die Aussagen des Koalitionsvertrages – Gestaltungsspielraum gäbe es eventuell in grenznahen Regionen.  Weiter ging Gabriel auf die Veränderungen der Branche durch die Digitalisierung entlang der Wertschöpfungskette von der Buchung über die mobile Begleitung von Reisen durch Apps, den Einfluss von Bewertungen durch die Reisenden bis hin zu den Herausforderungen durch die Sharing Economy ein. Mit ihrer digitalen Agenda wolle die Bundesregierung insbesondere mittelständischen und kleineren Unternehmen im Gastgewerbe helfen.

Im Hinblick auf den demografischen Wandel verwies der Bundeswirtschaftsminister auf rückläufige Bewerberzahlen und die Notwendigkeit, die duale Berufsausbikdung gleichwertig zur akademischen Laufbahn zu gestalten. Der Mindestlohn müsse leistungsgerecht gestaltet sein und Anreize geben, dass es sich lohnt zu arbeiten.

Ausdrücklich befürwortete Gabriel den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und kündigte Vorschläge an, wie private Investitionen einen Beitrag dazu leisten könnten.

Sharing Economy im Fokus

Die Frage, ob die Sharing Economy eine Bedrohung oder Chance für den Tourismus ist, stand im Mittelpunkt der Expertenrunde, die Markenexperte und Futurologe Dietmar Dahmen mit einem starken Plädoyer für die neue Form des Teilens eröffnete. Sharing ist schnell, Sharing ist cool, Sharing ist mobil – so die Essenz seines Eingangsstatements. Voraussetzung für ein erfolgreiches Etablieren der Sharing Economy sei Sicherheit für den Kunden, eine starke Präsenz im Markt und ein erstklassiger Service.

Auf dem Podium diskutierte Dahmen mit dem Hauptgeschäftsführer des Hotelverbandes Deutschland Markus Luthe, Airbnb-Deutschland-Chef Christopher Cederskog sowie Europcar-Geschäftsführer Reinhard Quante. Die Diskussion machte deutlich, dass sich die klassischen Leistungsanbieter stark über Assets definieren, während die New Economy-Repräsentanten Kunden und ihre Erlebnisse stärker in den Vordergrund ihrer Konzepte rücken. Konträr blieben die Positionen in Fragen der Verlässlichkeit. Klassische Anbieter müssten einerseits mit Überreglementierungen kämpfen, andererseits gäben starke Reglements auch Sicherheit bei der Qualität von Produkten. Offen blieben auch die Fragen, wie hoch der tatsächliche Anteil von echten Sharing-Kapazitäten ist oder ob hier auch einer Art Schattenwirtschaft die Tür geöffnet wird, beispielsweise bei der semiprofessionellen Vermarktung von Wohnraum in Großstädten.

Spohr skizziert Herausforderungen und Perspektiven für Lufthansa

Die wirtschaftliche Grundkonstellation für die Deutsche Lufthansa fasste Vorstandsvorsitzender Carsten Spohr in seiner Rede in einem prägnanten Satz zusammen: „Die Zahlen verändern sich rasant: Die Passagierzahlen weisen nach oben, die Margen nach unten.“

Der Luftverkehr steht Spohr zufolge vor einem weiteren fundamentalen Umbruch. Die Kernbotschaft: Wachstumsraten in Europa von 2 bis 3, im asiatisch-pazifischen Raum hingegen von 9 Prozent. Gründe dafür liegen in teilweise hausgemachten Problemen wie limitierten Betriebszeiten, Wettbewerbsverzerrungen durch den Emissionshandel, die schleppende Umsetzung des Single European Sky oder das Streikrecht. Spohrs Appell an die Politik: Der Tourismus lebt zu einem erheblichen Teil vom Luftverkehr – entsprechend braucht der Luftverkehr Unterstützung.

Die Dynamik im Urlaubssegment ist Spohrs Ansicht nach deutlich stärker als im Geschäftsreisemarkt. Die Hemmschwelle für Kurztrips sinke – auch aufgrund günstiger Angebote. Der Städtetourismus in Europa boomt, etwa ein Viertel aller Passagiere fliegt innerdeutsch, weshalb Lufthansa ihr Engagement in diesen Bereichen deutlich verstärke. Neben dem Outbound-Markt setze LH auch auf das Incominggeschäft, u.a. aus China und Indien.

Hochkarätige Staatssekretärs-Runde: Positionen der Bundesregierung bestätigt

Unter der Überschrift „Wirtschaftsfaktor Tourismus – In der Politik angekommen?“ erläuterten die Parlamentarischen Staatssekretäre Ulrich Kelber (Justiz und Verbraucherschutz), Enak Ferlemann (Verkehr), Michael Meister (Finanzen) und Anette Kramme (Arbeit und Soziales) die Sicht der Bundespolitik auf aktuelle Fragen und Forderungen der Tourismuswirtschaft.

Ein Ende der Luftverkehrsteuer ist nach Ansicht des Finanzministeriums derzeit nicht in Sicht - nach einem einprozentigen Rückgang im Jahr 2011 seien die Passagierzahlen bereits seit 2012 wieder gestiegen. Mit Blick auf die gewerbesteuerliche Hinzurechnung will das Finanzministerium die Rechtsprechung abwarten und empfiehlt einstweilen die Aussetzung des Vollzuges.

Staatssekretär Kelber plädierte bei der Beurteilung der Pauschalreiserichtlinie die Betrachtung sowohl der Wirtschafts- als auch der Verbraucherinteressen. Nachholbedarf sieht er zunächst noch bei den Definitionen.

In der Diskussion um Tarif- und Streikrecht erklärte Staatssekretärin Kramme, dass vom Bundesarbeitsgericht strikte Vorgaben gemacht werden. Dass der Mindestlohn Arbeitsplätze gefährden könne, entkräftete Staatssekretärin Krame mit dem Hinweis auf Erfahrungen mit dem Arbeitnehmerentsendegesetz. Zudem müssten Arbeitnehmer „anständig verdienen – auch im Hinblick auf die Altersvorsorge“.

Zum Thema Maut erklärte Staatssekretär Ferlemann, dass sie käme, aber grenznahe Regionen sich keine Sorgen machen müssten.

Tunesien – ein Start up in Demokratie

Tunesiens Tourismusministerin Amel Karboul warb mit einem leidenschaftlichen Appell um Vertrauen für ihr Land. Die viel gelobte Revolution habe zwar gesellschaftlichen Fortschritt für das Land gebracht, für die Tourismusindustrie jedoch einen herben Rückschlag bedeutet.

In fließendem Deutsch erläuterte Karboul die Aufgaben, vor der ihr Land in Sachen Tourismus steht. Dabei zog sie interessante Parallelen zu den Herausforderungen in Deutschland: Ein Kernthema sei die Qualität des touristischen Angebots, der Schlüssel dazu die Ausbildung von Fachkräften. In vielen touristischen Destinationen auf der ganzen Welt könnte man sich von der Expertise tunesischer Fachleute überzeugen, beispielsweise in der Ferienhotellerie. Es komme jetzt darauf an, dass möglichst viele dieser Fachkräfte in die Heimat zurückkehren, um dort ihr Können einzubringen.

Die Digitalisierung, so Karboul, macht auch um Tunesien keinen Bogen – verstärkt soll deshalb in den weltweiten Communities geworben werden. Ähnlich wie in Deutschland sieht die Ministerin in den ländlichen Regionen unbekanntes touristisches Potenzial, dass erschlossen werden soll. Tunesien sei mehr als Badeurlaub. Um auch beispielsweise touristische Schätze im Nordosten oder den Wüstenregionen zu stärken, soll die Gründung von Unternehmen gefördert werden.