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Als Folge der Corona-Krise droht einer Million Unternehmen der europäischen Reiseverkehrswirtschaft die Pleite. Dies sagte Kerstin Jorna, Generaldirektorin für Binnenmarkt und Industrie der Europäischen Kommission, am Mittwoch dem Tourismusausschuss. Nach ihren Worten könnten europaweit sechs Millionen Beschäftigte der Branche den Arbeitsplatz verlieren, wenn die EU nicht energisch gegensteuere. Dabei komme es insbesondere auf Deutschland an, das Jorna die "Brennstoffzelle" des europäischen Tourismus nannte. Nicht allein sei Deutschland selber ein attraktives Reiseziel, sondern zugleich Herkunftsland der meisten Besucher in allen anderen EU-Staaten. Nach Zahlen von 2018 gingen in Europa 108 Millionen Übernachtungen auf das Konto deutscher Touristen. Die zweitplatzierten Franzosen brachten es nur auf 53 Millionen Übernachtungen.

Der Corona-Schock habe das Hotelgeschäft in Europa um die Hälfte reduziert, berichtete Jorna. Die Reisebüros hätten 85 Prozent ihres Umsatzes verloren, die Zahl der Kreuzfahrtbuchungen sei um 90 Prozent, die der Museumsbesuche um 70 Prozent eingebrochen. Wenn man bedenke, dass von den 2,3 Millionen Unternehmen der Branche 99 Prozent kleine und mittelgroße Betriebe seien, werde die Dimension der Herausforderung deutlich. Weltweit behaupte Europa derzeit noch eine Spitzenposition im Tourismusgeschäft mit einem Anteil von 40 Prozent der globalen Ankünfte und 30 Prozent der Ausreisen. Es sehe sich aber einer "heftigen Konkurrenz" von Mitbewerbern vor allem im asiatischen und pazifischen Raum gegenüber. Konzepte für die Zukunft des europäischen Tourismus seien ein dringendes Erfordernis.

Die EU-Kommission, erklärte Jorna, versuche der Krise auf dreierlei Weise zu begegnen, mit einem "Rettungsring" für bedrohte Unternehmen, Maßnahmen zur "Rettung der Sommersaison" und einer langfristigen Strategie für den europäischen Tourismus mit Blick auf das Jahr 2050. Zu den unmittelbar wirkenden Überbrückungshilfen zählte sie einen Acht-Milliarden-Investitionsfonds für kleine und mittelgroße Unternehmen, der zwar nicht ausschließlich, aber auch Firmen der Reiseverkehrswirtschaft zugute komme und "in Rekordzeit" abgerufen worden sei.

Die Kommission habe zudem die normalerweise restriktiven Beihilferegelungen "stark geöffnet", um den Mitgliedstaaten zu ermöglichen, notleidenden Branchen aus eigener Kraft zur Seite zu stehen. Überdies seien Kohäsions- und Strukturfonds "sehr schnell frei verfügbar gemacht worden". Positiv gewirkt habe nicht zuletzt die Initiative "Sure" zur europaweiten Finanzierung von Kurzarbeit. Zu Beginn der Krise habe nur die Hälfte der EU-Mitgliedsstaaten das Instrument öffentlich subventionierter Kurzarbeit gekannt. Mittlerweile seien es alle.

Unter dem Stichwort "Rettung der Sommersaison" nannte Jorna die Bemühungen der Kommission um europaweit einheitlichen Standards für das Reisen unter Corona-Bedingungen. Sie habe entsprechende Empfehlungen für Verkehrsträger, das Hotelgewerbe und die Regelung von Grenzübertritten herausgegeben. Seit dieser Wochen sei zudem eine eigen Webseite (www.reopen.europa.eu) freigeschaltet, wo Reiseslustige sich über die unterschiedlichen coronabedingten Reglementierungen in allen Ländern und Regionen der EU kundig machen können.

Für die zweite Jahreshälfte unter deutscher Ratspräsidentschaft kündigte Jorna einen "Europäischen Tourismuskonvent" an als "Forum" für die Diskussion über langfristige Perspektiven.